Morgentief – Ansprechen auf eigene Gefahr

Mogentief

Lebenslanges Morgentief

Eigentlich kenne ich das Thema Morgentief schon mein ganzes Leben. Es begleitete mich durch die Schulzeit, durchs Studium, durchs Arbeitsleben. Lange bevor ich die Diagnose „schwere Depression“ bekam und nichts mehr ging war es Bestandteil meines Lebens. Allerdings ist es mit dem Morgentief wohl so ähnlich, wie mit meinen Depressionen. Mal ist es stärker ausgeprägt, mal nicht. Wenn die Depression mich gerade mal wieder eher stärker in Anspruch nimmt, ist das Morgentief stets begeistert mit am Start. Irgendwie ist das Morgentief für mich sowas wie eine weitere hässliche kleine Schwester, der noch hässlicheren großen Schwester „Depression“. Allerdings gingen mir zu meiner Schande Menschen mit frühmorgendlicher guter Laune gelinde gesagt schon immer ziemlich auf die Nerven.

“Der Alptraum beginnt, wenn man aufwacht“

Dieses Zitat, dessen Autor ich trotz intensiver Recherche im Netz leider nicht auffinden kann, finde ich in schwärzeren Phasen eigentlich sehr treffend. Kein Schlaf der Welt würde dann ausreichen, um mir annähernd Erholung von der Anspannung des depressiven Tages, den Gedankenkreisen und den Zukunftsängsten zu verschaffen. Entsprechend schrecklich empfinde ich es dann, überhaupt aufstehen zu müssen. So lange es möglich ist, ist es ein riesiger Kraftakt. Es gab auch schon Zeiten, in denen gefühlt eine ganze Armee freundlicher Krankenschwestern notwendig war, um überhaupt zu erwirken, dass ich das Bett verlasse. Nun ist dieser Zustand zum Glück (bis auf weiteres) überwunden und die Depression erlaubt mir zumindest phasenweise ein halbwegs geregeltes Leben zu führen.

„Schlaf Dich mal ordentlich aus“

Das Morgentief (bei mir eher ein Tief bis zum Mittag) ist allerdings geblieben. Ich schlafe auch viel schlechter als früher. Daher empfand ich den Ratschlag eines Bekannten „Schlaf dich mal ordentlich aus!!!“ in diesem Zusammenhang besonders überflüssig. Gut gemeint ist eben nicht immer gut. Ein wirklich erholsamer Schlaf mit tiefer Ruhe ist zur vollständigen Mangelware in meinem Leben geworden. Das habe ich mir sicher nicht ausgesucht und wenn ich das ändern könnte, würde ich es ganz bestimmt tun.

Morgentief und Ängste

Mein Körper verbringt gewissermaßen zwangsweise mal mehr mal weniger Zeit in einer Art sorgenvollem Halbschlaf bzw. in einer negativen Form eines Trancezustandes. Die dringend benötigte Erholung, die in der Nacht fehlt, wird so wohl zwangsweise vom Körper nachgeholt. Damit einher geht…

  • die Angst, dass sich der Zustand über den Tag nicht bessert
  • die Angst wieder in einer Phase abzurutschen,
  • die Angst nicht genug zu schaffen.

Diese Ängste kosten dann gleich wieder Kraft, obwohl sie eigentlich in den letzten Monaten unbegründet waren. Dennoch hasse ich es, dass jeder Tag mit Zweifel und Besorgnis beginnt. Selbst der Versuch, diesen Zusammenhang mit Schlafmitteln zu unterbrechen, war nur ein temporärer Erfolg. Dauerhaft ist dieses für mich keine Option, da die zunächst eingetretenen positiven Effekte zunehmend verpufften und Nebenwirkungen blieben.

Morgendliches „Unverhalten“

Was bleibt ist der allmorgendliche Sumpf aus mieser Laune, geringer Ansprechbarkeit, die selbstverständlich auch hinsichtlich sozialer und partnerschaftlicher Kontakte belastend ist. Schon für mich selbst ist es eine fast unvertretbare Zumutung, mich in der Zeit vor dem ersten Kaffee zu ertragen… . Meine erstes Tageshälfte ist regelmäßig durchzogen von

  • Demenzerscheinungen,
  • unerklärlichem divenhaftem Verhalten
  • allgemeiner Zerstreutheit
  • Plötzliche Gereiztheit
  • Überempfindlichkeit
  • Konzentrationsmängeln ,die in
  • merkwürdige Falschaussagen münden, an die ich mich später so gar nicht erinnern kann

Die Liste wäre endlos erweiterbar, aber ich erspare Euch weitere Peinlichkeiten und Details. Mit zunehmendem Voranschreiten des Tages nehmen die Gedanken über die Dinge, die noch erledigt werden müssen, ab. Abends werde ich dann manchmal wieder fast zum wirklichen Menschen und erkenne etwas von mir selbst wieder. – Bis zum Versuch, wieder einzuschlafen… .

Übliche Vorschläge

Typischerweise wird als gangbarer Weg gegen diese Morgentiefs in Zusammenhang mit der Depression genau das empfohlen, was auch gegen die Depression empfohlen wird, zum Beispiel

  • Tagesplanung, Tagesstruktur
  • die eigenen Denkmuster ändern (kognitive Verhaltenstherapie)
  • die „richtigen“ Medikamente einnehmen
  • ggf. bei leichteren Depressionen Johanniskraut etc.

Klar, wenn ich die Depression insgesamt abstellen könnte, wäre das vielleicht mit dem Morgentief auch kein Thema mehr. Aber so lange ich diesen Schalter nicht finde, bleibt es eben ein Thema, mit dem ich leben muss… .

PS: Bis ich das Thema nicht besser gelöst habe, nochmal mein aufrichtiges Beileid an alle, die mir in der ersten Tageshälfte begegnen müssen.


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Habt Ihr ähnliche Erfahrungen?

  • Wie geht Ihr und Euer Umfeld mit dem Morgentief um?
  • Was hilft Euch?
  • Was hat Euch geholfen?

Ich freue mich auf Euer Feedback und über alle Ideen, die über ein „Schlaf Dich mal ordentlich aus!“ hinaus gehen.

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2 Responses

  1. Annie sagt:

    Ich habe keine Ahnung, ob es an der Depression liegt, aber solange ich denken kann, bin ich kein Morgenmensch sondern der typische Muffel. Am besten redet man mir dann keinen Roman ins Ohr. Ich muss aber auch nicht fröhlich drauf sein, sondern es ist ok langsam in den Tag zu starten. Die Menschen, die beim ersten Klingeln des Weckers aus dem Bett springen, waren mir schon immer suspekt :)

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